Nachruf auf Prof. Dr. Wolfram Prandl (Tübingen)

Author: Jörg Ihringer - Date: 8 October, 2001

Es gibt Persönlichkeiten, die aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler herausragen. Herr Professor Dr. Wolfram Prandl, der am 21. 9. 2001 verstarb, war eine von ihnen. Herr Prandl überblickte die Physik in voller Breite. Dabei war es nicht nur die Erfahrung des „learning by doing“, die man sich durch lange Jahre der Arbeit in der gleichen Fachrichtung aneignet, sondern man erkannte, dass sein Wissen auf einem intensiven Studium der Grundlagen ruhte. Das Erlernte war für ihn stets Herausforderung zur Anwendung auf reale, physikalische Probleme.

Herr Prandl wurde am 19.5.1935 in Burgweinting bei Regensburg geboren. Das Studium der Physik in Göttingen und München erweiterte er durch den Besuch von Spezialvorlesungen der Mathematik. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann am 1. Physikalischen Institut der Universität München bei Herrn Professor Dr. Fraunberger mit einer Diplomarbeit zur technisch sehr wichtigen Charakterisierung von Stählen, der „Untersuchung der Perlit- bzw. Martensitbildung bei Eisen-Kohlenstoff- bzw. Eisen-Nickel-Stahl, sowie der Entkohlung von Stahl durch Wasserstoff“.

In Stählen gibt es eine große Zahl möglicher Strukturen. Zur erfolgreichen Arbeit mussten deshalb die Gesetze zur Strukturbildung erarbeitet werden. Dabei lernte er als Physiker die Kristallographie zu schätzen. So vorgebildet, begann er 1961 am Institut für Kristallographie und Mineralogie der Universität München bei Professor Dr. Menzer und Herrn Dr. Dachs seine Dissertation zur Strukturbestimmung des Grossulars, eines Aluminium Silikats aus der Substanzklasse der Granate. Röntgen- und Neutronenbeugung werden eingesetzt, ein Neutronendiffraktometer am Reaktor in Garching war zu betreuen und zu verbessern. In dieser Arbeit spürt man die Faszination durch die damals neue Möglichkeit, numerische Probleme mit Maschinen lösen zu können. Der Diskussion der Ausgleichsrechnung und der Beurteilung der Ergebnisse mit Methoden der Statistik ist eines der vier Kapitel gewidmet. Verfahren der Statistik und die Methoden der Beugung blieben im Zentrum seiner Forschung.

Unmittelbar nach der Promotion 1965 ging Herr Prandl mit seiner noch jungen Familie für zwei Jahre an die Universität von Chicago. Er arbeitete als „research associate“ im Institut von Professor J. W. Stout an Präzisionsmessungen der magnetischen Suszeptibilität von CoF2 und ihrer theoretischen Deutung. Diese Zeit war in zweifacher Weise prägend: Zum einen blieb der Magnetismus ein zentrales Thema seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, zum andern war die Erfahrung im neuen Umfeld so positiv, dass Herr Prandl seine Schüler stets zu Auslandsaufenthalten ermunterte und sich für deren finanzielle Förderung einsetzte.

Zurück am Institut für Kristallographie in München wurde Herr Prandl von Herrn Professor Dr. Jagodzinski am Reaktor in Garching mit dem Aufbau einer „Außenstelle für Neutronenbeugung“ betraut. Ein Markstein war der 1970 von ihm initiierte Kauf einer kleinen Rechenmaschine (PDP 8), was die Übernahme der Verantwortung für Hard- und Software in die eigene Abteilung bedeutete. Das war neu, in den meisten Instituten bediente man sich seinerzeit ausschließlich der Rechenzentren, und kleine Maschinen wurden erst 10 Jahre später sozusagen von „unten“, nämlich von den Studenten, eingeführt. Herrn Prandl war diese Entwicklung suspekt: In seinem Institut war und blieb die Gestaltung der Rechnerlandschaft immer „Chefsache“.

Für seine Mitarbeiter, auch den Verfasser dieser Zeilen, fand er interessante Themen zur Untersuchung von strukturellen Phasenübergängen mit Röntgen- und Neutronenbeugung. Er selbst widmete sich vor allem den magnetischen Strukturen. Um systematisch alle Varianten zu erfassen, arbeitete er sich in die Darstellungstheorie ein, einem Spezialgebiet der Gruppentheorie. Daraus entstand seine Habilitationsschrift „Theorie der Magnetischen Strukturen des 16A- und 24C-Komplexes im Granat“. Das war der Grundstein für seine Schule, in der die Darstellungstheorie das Werkzeug zur Analyse von Strukturen, Phasenumwandlungen und Bewegungen atomarer Baugruppen ist.

Im Jahre 1976 erfolgte der Ruf auf die C4 Stelle nach Tübingen an das Institut für Kristallographie, als Nachfolger von Herrn Prof. Dr. Dachs. Hier wurden die vorhanden Arbeitsgruppen zur Röntgenbeugung an Einkristallen und Pulvern von Herrn Dr. Knorr und zur Kristalloptik von Herrn Dr. Jahn um eine Abteilung für Beugung an Pulvern bei tiefen Temperaturen erweitert. Eine Außenstelle zur Neutronenbeugung gab es zunächst am Reaktor der KFA Karlsruhe, nach dessen Abschaltung wurde am Hahn-Meitner Instituts in Berlin unter der Leitung von Herrn Prof. Hohlwein eine neue eingerichtet. Über mehrere Jahre waren Wissenschaftler des Instituts am Reaktor in Grenoble beschäftigt. Messungen am Synchrotron in Hamburg ergänzten die Arbeiten mit Röntgenbeugung an den Geräten des Instituts.

Für die Strahlungsquellen in Berlin und Hamburg wurden Instrumente zur Messung mit größter Präzision in optimaler Zeit entwickelt. Zu diesem Ziel entwarf Herr Prandl mehrere Apparaturen mit faszinierenden Eigenschaften, so einen Mehrfachanalysator für das Synchrotron in Hamburg, der im Jahre 2000 in der Werkstatt des Tübinger Instituts fertiggestellt wurde.

In den von Herrn Prandl anerkannten Arbeiten musste die Messung immer von einer Theorie begleitet sein. Mathematisches Kalkül auf hohem Niveau und Erkenntnisse der theoretischen Physik führten ihn zu neuen Lösungen konkreter Probleme. So gelang es ihm, aus Beugungsdaten die Potentiale zu Molekülrotationen in plastischen Kristallen zu errechnen, für tiefe Temperaturen mit Berücksichtung der Quantenmechanik. Bei einem einjährigen Forschungsaufenthalt 1990 im Laboratoire Léon Brillouin, Saclay, lernte er die „Maximum Entropie“ genannte Methode zur Strukturanalyse schätzen.

Neben der Forschung zum Magnetismus, die immer lebendig blieb, und die auch auf makroskopischer Skala Messungen an einer Drehwaage umfasste, gab es Arbeiten über Spingläser, Gläser, Glaskeramik, ferroische Phasenübergänge, Phononen und Gitterdynamik, Einlagerungskinetik, Strukturen und Phasenübergänge in Perowskiten und keramischen Supraleitern und Strukturuntersuchungen mit resonanter Streuung. Besonders interessierte die Koexistenz von Ordnung und Unordnung und der Übergang zwischen diesen Zuständen, beides Themen mit vielen mathematischen Komplikationen. In der jüngsten Zeit widmete er sich den interessanten, die physikalischen Eigenschaften beeinflussenden strukturellen Details der magnetischen Ordnung in einer Substanzklasse mit ungewöhnlichen elektro-magnetischen Eigenschaften. Sein Ziel war, über die Berechnung der Spin-Bahn-Kopplung die möglichen magnetischen Strukturen zu finden.

Mit seiner Begabung, komplizierte abstrakte Probleme zu lösen, suchte er die mathematische Herausforderung und fing an zu rechnen, wo andere Arbeitsgruppen wegen zunehmenden Hindernissen aufhörten.

Die Zahlen von 118 Veröffentlichungen, 66 Diplomarbeiten, 31 Dissertationen, und 4 Habilitationen zeigen eindrucksvoll die fruchtbare Arbeit am seinem Institut. Die Dissertationen seiner Schüler, Herr Prof. Dr. Brückel und Herr Dr. Burger, wurden von der Universität Tübingen mit dem Förster-Preis, Frau Privatdozentin Dr. Schiebel von der Deutschen Gesellschaft für Kristallographie (DGK) mit dem Max von Laue-Preis ausgezeichnet. Ein großer Teil der Arbeiten konnte durch erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln finanziert werden.

Das Institut mit einigen weltweit einmaligen Messmöglichkeiten stand stets für Gäste offen und zählte viele Besucher. Größere Arbeiten entstanden mit Prof. Dr. S. C. Abrahams von der Oregon State University, der im Rahmen eines Humboldt-Preises am Institut weilte, mit Dr. H. Waliszewski von der Universität Warschau, mit Herrn Prof. Dr. Ravez vom CNRS, Bordeaux, und mit Frau Prof. Dr. Marfaing von der Universität St. Jêrome in Marseille.

Herrn Prandls Kompetenz machte ihn zum geschätzten Mitarbeiter in wissenschaftlichen Beiräten der Großforschungseinrichtungen in Grenoble, Jülich, Hamburg, Berlin, im Gutachterausschuss „Kondensierte Materie und Atomphysik“ des BMFT, im Komitee „Forschung mit Neutronen“, in der „Neutron Diffraction Commission“ der „International Union for Crystallography“ und im Nationalkomitee der „Arbeitsgemeinschaft Kristallographie“. Kurz vor seinem Urlaub in diesem Jahr wurde er in die Arbeitsgruppe zur Beurteilung einer Europäischen Spallationsquelle berufen.

Sein Wissen gab Autorität: Er fand Gehör, auch wenn er mit leiser Stimme redete. Sein Urteil war stets wohlüberlegt und das Ergebnis sorgfältigen Abwägens. In Sitzungen und Kommissionen fand man ihn oft still und konzentriert. Manchmal schien es, man erwarte seinen Beitrag, um den richtigen Weg zu erkennen. Oft kam es vor, dass seine Argumente unwidersprochen blieben und gewissermaßen zum Schlusswort wurden. Verlief sich die Diskussion auf hoffnungslosen Irrwegen, so widmete er sich seinem Notizbuch und brachte seinen Eindruck, als kleine Skizze mit oft surrealem Inhalt verschlüsselt, zu Papier.

Er blieb in seiner ganzen Laufbahn kreativ und Neuem aufgeschlossen. Nie wurde ein Frager abgewiesen, immer nahm er sich Zeit für einen richtungsweisenden Rat. Er hörte sich auch verwegene Vorschläge geduldig an und gab, wenn angebracht, seine Bedenken auf taktvolle Weise zu erkennen. Ich erinnere mich nicht, ihn je in Eile gesehen zu haben. Er arbeitete so kontrolliert, dass es schien, ihm sei es ein Leichtes, Termine einzuhalten und fehlerlose Manuskripte zu erstellen. Stets zog er die genaue Darstellung einer vielleicht weniger präzisen Abkürzung vor. Dieser Stil kennzeichnet auch seine hervorragend strukturierten und dokumentierten Vorlesungen.

Dieser Nachruf wäre nicht vollständig, bliebe sein Überblick in allen Wissenschaften unerwähnt. Er interessierte sich für Philosophie, war sehr belesen, liebte das Theater, die Musik und die bildenden Künste. Es war eine Freude, mit ihm in entspannter Atmosphäre an einem Tisch zu sitzen.

Unser Mitgefühl gilt seiner Familie. Wir werden dem Verstorbenen ein ehrendes Andenken bewahren.

Text: Jörg Ihringer, Fotografie: Uwe Amann